Lieben wir uns noch? Wie Sie echte Gefühle von Gewohnheit unterscheiden

Veröffentlicht am 17. August 2026 um 09:14

Lesedauer: ca. 5 Minuten | Kategorie: Liebe, Beziehungsdynamiken & EFT

Zusammenfassung

Wenn die Leidenschaft verblassst und der Alltag das Regieheft übernimmt, taucht schleichend die bange Frage auf: „Ist das zwischen uns noch Liebe - oder nur noch eine bequeme Gewohnheit?“ In der Beziehungspsychologie gilt das Erkalten von Gefühlen selten als Schicksal, sondern oft als Folge von unbemerktem emotionalem Rückzug. Dieser Artikel erklärt auf Basis von Robert Sternbergs Dreieckstheorie und der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT), woran Sie den Unterschied erkennen und wie Sie verschüttete Gefühle wieder freilegen können.

Es ist einer der stummsten und zugleich schmerzhaftesten Momente in einer Partnerschaft: Sie sitzen nebeneinander auf der Couch, der Alltag ist perfekt organisiert, aber im Inneren breitet sich eine seltsame Leere aus. Sie schätzen einander, funktionieren als gutes Team und fragen sich dennoch im Stillen: „Empfinde ich eigentlich noch echte Liebe für meinen Partner, oder bleiben wir nur zusammen, weil es bequem und vertraut ist?“

Als Paartherapeutin erlebe ich dieses Zweifelstadium bei Paaren extrem häufig. Die Wissenschaft zeigt, dass das Gefühl, „keine Gefühle mehr zu haben“, meist keine finale Diagnose ist, sondern ein Schutzsignal des Nervensystems, das auf eine längere Phase emotionaler Sprachlosigkeit reagiert.


Die Dreieckstheorie der Liebe: Was verändert sich im Laufe der Zeit?

Der Psychologe Robert Sternberg entwickelte die renommierte Dreieckstheorie der Liebe (Triangular Theory of Love). Danach ruht eine erfüllte Partnerschaft auf drei Säulen:

  1. Intimität (Emotionale Nähe): Das Gefühl von Verbundenheit, Vertrauen und emotionaler Erreichbarkeit.

  2. Leidenschaft (Physische & romantische Anziehung): Die Motivation, dem anderen nahe zu sein, Begehren und Romantik.

  3. Entscheidung / Verbindlichkeit (Commitment): Der bewusste Entschluss, zusammenzubleiben und die Beziehung auch durch Krisen zu steuern.

In einer reinen Gewohnheitsbeziehung schwinden Intimität und Leidenschaft schleichend dahin. Übrig bleibt oft nur die Verbindlichkeit. Man teilt sich das Haus, die Finanzen und die Sorge um die Kinder, lebt emotional aber wie WG-Mitbewohner nebeneinander her. (Besonders häufig passiert diese Verschiebung nach der Familiengründung – lesen Sie dazu auch meinen Beitrag Vom Liebespaar zum Eltern-Team: Beziehungsstörung nach der Geburt).

Gewohnheit oder erloschene Liebe? 3 wissenschaftliche Indikatoren

Um zu unterscheiden, ob Ihre Gefühle nur „verschüttet“ oder tatsächlich erloschen sind, helfen folgende Unterscheidungsmerkmale aus der klinischen Psychologie:

Kriterium

 

Reaktion auf Distanz

 

 

Emotionale Resonanz

 

 

Die Ursache der Flaute

Nur Gewohnheit / Verschüttete Gefühle

Getrenntes Reisen löst Sehnsucht oder das Bedürfnis aus, Erlebtes zu teilen.


Wenn der Partner leidet oder sich freut, berührt es Sie im Inneren noch immer.


Unverarbeitete Konflikte oder Dauerstress haben eine Schutzmauer aufgebaut.

Erloschene Liebe / Entfremdung

Die Abwesenheit des Partners wird primär als Erleichterung und Befreiung empfunden.

 

Die Emotionen des Partners lassen Sie weitgehend gleichgültig oder rufen Genervtheit hervor.

Es besteht kein Wunsch mehr, Energie oder Zeit in die Aufarbeitung zu investieren.

 

Neurobiologisch gilt: Wo noch Schmerz, Frust oder Trauer über die verlorene Nähe spürbar sind, ist noch Bindung da. Wirkliche Gleichgültigkeit hingegen ist das Anzeichen dafür, dass das Bindungssystem abgeschaltet hat.

Warum Gefühle verschwinden – und wie EFT sie wieder freilegt

In der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT nach Dr. Sue Johnson) wissen wir: Gefühle verschwinden selten grundlos. Oft verschüttet eine anhaltende Unsicherheit im Alltag die Zuneigung. Wenn man sich unbewusst fragt, ob man dem Partner überhaupt noch wichtig ist (siehe meinen Beitrag Bin ich dir wirklich wichtig? Wenn das Gefühl entsteht, nur die zweite Wahl zu sein), zieht man sich zum Eigenschutz emotional zurück.

Wo kein emotionales Risiko mehr eingegangen wird, kann auch keine Intimität mehr entstehen. Gefühle sind keine starren Gegenstände, die man verliert, sondern das Ergebnis von gegenseitiger emotionaler Erreichbarkeit.

Wie meine Paartherapie Sie unterstützt – Online oder in Hamburg-Blankenese

Die Frage „Sollen wir kämpfen oder uns trennen?“ lässt sich im eigenen Kopfkarussell schwer beantworten. In meiner Praxis in Hamburg-Blankenese sowie in Online-Sitzungen biete ich Ihnen einen strukturierten und bewertungsfreien Raum für diese Standortbestimmung.

Im Prozess der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT) untersuchen wir die Schichten unter der Taubheit. Wir helfen Ihnen herauszufinden, ob Ihre Gefühle durch verdeckte Verletzungen und ungelöste Konflikte überlagert sind – und unterstützen Sie dabei, entweder die emotionale Nähe neu zu entfachen oder eine respektvolle, ehrliche Entscheidung für die Zukunft zu treffen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Kann man sich neu in den eigenen Partner verlieben?

Ja. In der Beziehungsforschung sprechen wir von Re-Engagement. Wenn Paare lernen, die alten Schutzmauern abzubauen, eigene Verletzlichkeiten zu zeigen und sich wieder ehrlich mit ihren Bindungsbedürfnissen zuzuwenden, entstehen neuartige Momente der Vertrautheit – und damit keimt oft auch die romantische Anziehung wieder auf.

Wie unterscheidet sich eine gesunde Beziehungsruhe von bedrohlicher Sprachlosigkeit?

Dass die hochfliegende Verliebtheit der Anfangsphase einer ruhigeren, tiefen Vertrautheit weicht, ist neurologisch völlig normal. Bedrohlich wird es erst, wenn diese Ruhe nicht von Geborgenheit geprägt ist, sondern von Vermeidung, Unruhe oder dem Gefühl, dem Partner gleichgültig zu sein.

Was ist, wenn nur noch ein Partner um die Gefühle kämpfen möchte?

Auch die Initiative eines Einzelnen kann die Dynamik verändern. Indem ein Partner aufhört, im alten Muster zu reagieren (wie Sie festgefahrene Zirkel unterbrechen, erfahren Sie im Artikel Immer derselbe Streit: Wie Sie Beziehungs-Muster durchbrechen), gerät das gesamte System in Bewegung.

Wann ist es besser, sich einzugestehen, dass keine Liebe mehr da ist?

Wenn nach intensiver Auseinandersetzung keine emotionale Resonanz mehr spürbar ist, der Gedanke an eine Trennung dauerhaft Erleichterung auslöst und keine Bereitschaft mehr besteht, sich dem anderen verletzlich zu zeigen. Zur Orientierung in dieser Phase hilft mein Beitrag Wenn die Nähe verloren geht: Trennung ja oder nein?.

Über die Autorin 

Sabrina Haase (B.Sc. Psychologie) ist ausgebildete Paartherapeutin mit Schwerpunkt auf Emotionsfokussierter Paartherapie (EFT). In ihrer Praxis in Hamburg-Blankenese und Online begleitet sie Paare und Einzelpersonen bei typischen Problemen wie dauerndem Nörgeln und Rückzug, verlorener Intimität, Vertrauensbrüchen oder der Frage „Sollen wir zusammenbleiben?“. Gemeinsam bringen wieder Ruhe und Nähe in Ihre Beziehung.

Stehen Sie vor der Frage, wie es um Ihre Gefühle steht? Nutzen Sie das unverbindliche, 15-minütige Kennenlerngespräch - ganz bequem online, um erste Orientierung zu gewinnen.

Sabrina Haase

Paartherapeutin und B.Sc. Psychologie